Ankommen

in Stettin

Melana Jäckels

Der Zug fährt ein, der Bahnhof wirkt vertraut. Es ist nun schon das dritte Mal, dass ich hier ankomme. Ich erkenne die Fußgängerbrücke und erinnere mich daran, wie ich hier im März mit Patrizia auf den Zug nach Danzig gewartet habe. Wir haben auf dem Bahnsteig getanzt, um uns die Zeit zu vertreiben. Haben wir damals vielleicht die ersten Sonnenstrahlen des Jahres eingefangen? Sind es heute vielleicht die letzten?
Als ich das erste Mal über die Stadt Stettin stolperte, schämte ich mich ein bisschen, dass ich nicht wusste, auf welcher Seite der Oder diese Stadt liegt. Mir war klar, dass sie irgendwo in der Nähe der Ostsee zu finden ist, aber von den Menschen und der Geschichte hatte ich keine Ahnung.
Ich mache mich auf den Weg. Ich erinnere mich an die Straßen, die Tram. Ich versuche die polnischen Beschriftungen zu entziffern und freue mich, dass ich schon mehr verstehe als beim letzten Mal. Den Bankautomaten muss ich aber noch auf Deutsch umschalten, um nicht versehentlich mein Konto leerzuräumen.

Google offenbarte mir damals, dass es sich bei Stettin um eine Stadt auf der polnischen Seite der Oder handelt. Sie ist viel größer als ich vermutet hatte. Wikipedia erklärte mir die wechselvolle und nicht immer einfache Geschichte der Stadt, während die Google-Bildersuche pittoreske Gassen, Postkarten aus deutscher Zeit und große wilde Straßenkreuzungen enthüllte.

Ich biege in die Straße Niepodległości ein und frage mich, ob ich gleich an dem Laden vorbeikomme, in dem Przemek uns zu dieser „szczeciński“ Spezialität eingeladen hat, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Es war irgendwas Frittiertes, gefüllt mit Fleisch, Kraut oder Pilzen. Es war sehr lecker, was bei Frittiertem aber nicht sonderlich überraschend ist.

Ich buchte meine erste Fahrt nach Stettin, dreimal umsteigen in zehn Stunden. Ich musste früh aus dem Haus, um nicht mitten in der Nacht in Stettin anzukommen. Die Strecke bis Berlin kannte ich. Doch als ich in den letzten Zug stieg, war ich allein unter polnischen Leuten.
Am Plac Żołnierza Polskiego und am Plac Grunwaldzki muss ich die Stadt unweigerlich mit Berlin vergleichen. Die vielen Umbrüche im letzten Jahrhundert haben ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen. Verzierte Altbauten aus der deutschen Gründerzeit säumen die Straße, zerschlagen von sozialistischen Wohnblocks und gespickt mit sowjetischen Bauten; nebenan Hochhäuser mit neuen Glasfassaden.
Als der Zug im Bahnhof einfuhr, fühlte ich mich verloren. Ich war das erste Mal in Polen und verstand kein Wort, versuchte aber, mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Die Wegbeschreibung zum Hotel hatte ich mir zuvor herausgeschrieben. Später wusste ich, dass ich einen sehr langen Umweg gemacht hatte.

Piotra Skargi 32. Ich bin am Ziel. Mir wird die Tür geöffnet, viele Menschen reichen mir die Hand, die Namen vergesse ich aber im ersten Moment wieder. Ich bin gespannt, was Szczecin dieses Mal für mich bereithält.